Eine Baumschule, die das lange Spiel spielt
In einer Zeit, in der die meisten Gartencenter verkaufen, was gerade auf Instagram im Trend liegt, fuhlt sich ein Besuch in Alain Jabouins Baumschule an wie ein Schritt in ein lebendes Archiv. Die Anlage befindet sich in der 307 Rue de la Payanne in Caromb - direkt an den Sudhang des Mont Ventoux geschmiegt - und ist eine familiare Obsession, die die Jahrzehnte uberdauert hat. Alain fuhrt den Betrieb heute, in den Fussspuren seines Vaters Raymond und seines Grossvaters Henri.Die Geschichte reicht bis ins Jahr 1928 zuruck, als Henri die Feigenplantagen anlegte, die noch heute stehen. Im Jahr 1958 erkannte die Familie, dass ihr Talent fur die Vermehrung ein Geschaft werden konnte, und seitdem machen sie weiter. Auch wenn der juristische Name auf dem Papier EARL du Clos de la Payanne lautet (eingetragen im Jahr 2000), ist die Seele des Ortes viel alter. Es ist eine Dreigenerationen-Mission, die franzosische Landschaft mit robusten Pflanzen wieder zu besiedeln - Sorten, die keinen Cocktail aus Chemikalien brauchen, um einen Sommer zu uberstehen. Zwischen den Hektar Tafeltrauben, den Olivenhainen und dem beruhmten Hektar Feigen verkaufen die Jabouins nicht einfach Pflanzen; sie verkaufen Biodiversitat.
Die rebellischen Reben: das Leben in der PIWI-Ecke
Wer sehen will, wo Alains Leidenschaft wirklich aufflammt, sollte sich den Rebenkatalog ansehen. Er ist ein grosser Befurworter von PIWI-Sorten - Trauben, die fur naturliche Krankheitsresistenz gezuchtet wurden. Die Rede ist von Sorten wie Floreal, Vidoc und Artaban, modernen Meisterwerken des Weinbaus, die dem Mehltau muhelos trotzen.Doch Alain halt auch die Outlaws - die alten franzosisch-amerikanischen Hybriden wie Noah, Clinton und Isabelle. Diese Reben haben eine bewegte Geschichte; viele wurden 1934 von der franzosischen Regierung verboten, angeblich wegen Bedenken hinsichtlich des Methanolgehalts im Wein (obwohl manche sagen, es war schlicht Protektionismus). Bis heute durfen sie in der EU nicht legal fur die kommerzielle Weinproduktion verwendet werden. Jabouin verheimlicht das nicht; er weist klar darauf hin: Non autorise a la Revente en jardinerie. Er verkauft sie an Privatpersonen - Hobbygartnern und Erbgutsuchern. Das ist weniger eine kommerzielle Baumschule als vielmehr eine eigenwillige Genbank mit Preisliste.
Ein Katalog des Vergessens
Jenseits der resistenten Reben ist Jabouins Katalog ein Friedhof von Sorten, die die Industriewelt vergessen hat. Man findet dort den Cornichon blanc (der genauso aussieht wie eine kleine Essiggurke), den Barbaroux (ein provenzalisches Grundnahrungsmittel seit dem 18. Jahrhundert) und den Servant - die Traube, die unsere Grosseltern auf dem Dachboden zum Trocknen aufgehangen haben, um sie als Weihnachtsleckerei zu geniessen.Dann gibt es die winterharten Neuankommlinge aus der Ukraine und Osteuropa, wie Veles und Heliodore. Diese Sorten sind fur die harten Froste gewappnet, die vom Mont Ventoux kommen konnen, und uberleben Temperaturen bis zu -25 Grad C. Alain gibt an, dass Heliodore kernlose Trauben mit einem Gewicht von bis zu sechs Kilogramm produzieren kann. Ob man je wirklich eine Traube in der Grosse eines kleinen Hundes erntet oder nicht - der Anspruch ist bewundernswert. Was man auf der Website bemerken wird: Viele Artikel sind als EPUISER (ausverkauft) gekennzeichnet. Das ist ein ehrliches Abbild eines kleinen Betriebs - wenn es weg ist, ist es weg.
Die Feige, die Caromb auf die Landkarte brachte
Man kann nicht uber Jabouin sprechen, ohne uber die Figue Longue Noire de Caromb zu sprechen. Das ist das Kronjuwel der Familie. Henri Jabouin gab der Sorte in den 1950er-Jahren ihren Namen, und Alain hat sein Leben damit verbracht, sie zu verbreiten. Er erzahlt, dass die Sorte ursprunglich aus Italien stammt (wo sie als Douqueira bekannt ist), doch im trockenen, kalkigen Boden von Caromb fand sie ihre eigentliche Heimat.Diese Baume sind Uberlebenskunstler. Sie erfroren in den legendaren Wintern von 1956 und 1985 bis auf den Boden, um anschliessend aus den Wurzeln neu auszutreiben. Heute erwirtschaftet der Betrieb rund zehn Tonnen Feigen pro Jahr. Alains Einsatz geht auch uber den Hofzaun hinaus - er ist der Grossmeister der Bruderschaft der langen schwarzen Feige von Caromb. Er ist nicht nur Anbauer; er ist der oberste Schutzer der Sorte und sorgt dafur, dass dieser lokale Schatz einen eigenen Konservierungsgarten und einen eigenen Platz in den Geschichtsbuchern hat.
Verwurzelt im Boden, nicht im Buro
Letztlich ist das hier ein arbeitender Betrieb, keine Boutique. Alain bewirtschaftet funf Hektar Tafeltrauben und einen weiteren Hektar Weinreben (die Klassiker wie Grenache und Cinsault), dazu seine Kirsch- und Olivenbaume.Wer bei ihm bestellt, folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten. Der Versand beginnt im Dezember, denn die Pflanzen brauchen Zeit, um ihre Reserven aufzubauen, bevor sie gerodet werden, wie Alain es ausdruck. Das ist die Art von praktischer Weisheit, die man nur von jemandem bekommt, der sein Leben lang mit Erde unter den Fingernageln gearbeitet hat. Er setzt nicht auf glanzende Bio-Zertifikate oder Marketing-Labels; er verwendet fermentierte Brennnessel- und Schachtelhalmzubereitungen, weil das funktioniert. Es ist ein Betrieb, der auf drei Generationen von Versuch, Irrtum und einer tief verwurzelten Weigerung aufgebaut ist, die alten Methoden sterben zu lassen.